Fotografie:

Das Konzept der hier gezeigten Naturfotos entspricht der oben vorgestellten klassischen japanischen Ästhetik, also der Schönheit des Einfachen. Mono-no-aware, kire, yohaku-no-bi und wabi-sabi sind Methoden und Begriffe, die angewandt wurden, um die Fotos zu erstellen.

Sieht man sich die zeitgenössische Fotografie etwas näher an fällt auf, dass immer häufiger versucht wird mit drastischen Methoden die Aufmerksamkeit des Betrachters zu erregen. Ein Beispiel in der Naturfotografie ist die Verstärkung der Farben, wie es z. B. relativ häufig in der amerikanischen Naturfotografie zu beobachten ist. Eine andere Methode ist z. B. die Darstellung von spektakulären Aktionszenen, etwa dem Jäger-Beuteverhalten von Tieren. In einer Medienwelt die mit digitalen Fotos übersättigt ist, kommt es unausweichlich zu einer sogenannten Schwellenwerterhöhung, d. h. die schiere Anzahl der digitalen Bilderflut lässt die Aufmerksamkeit des Betrachters erlahmen. Um dem entgegenzuwirken und dennoch wahrgenommen zu werden, muss der Fotograf drastische Mittel einsetzen. Hat das Publikum sich auch hieran gewöhnt, müssen die Fotos noch spektakulärer werden, usw. Dieser Vorgang führt unausweichlich zu einer schleichenden Abstumpfung in der Wahrnehmung des Betrachters, da er nur noch auf stärkste Reize reagiert.

 

Es liegt auf der Hand, dass medial abgestumpfte Menschen auch mit ihren Mitmenschen, mit sich selbst und ihrer Umwelt entsprechend umgehen !

 

Mit Hilfe der Methoden der klassischen japanischen Ästhetik kann dieser Teufelskreis durchbrochen werden und zwar auf Seiten des Fotografen als auch auf Seiten des Rezipienten.

Die hier vorgestellten Fotos zeigen nichts spektakuläres, im Gegenteil, es ist mein Anliegen zu zeigen, dass im Alltäglichen eine meist nicht wahrgenommene Schönheit bzw. Besonderheit zu entdecken ist. Anders formuliert: Das vorgestellte Konzept ist, das Besondere im Alltäglichen sichtbar werden zu lassen. Im Sinn der klassischen japanischen Ästhetik gesprochen heißt dies: Schau unter deine Füße, ein Spruch der an manchen Zenklöstern zu lesen ist. Das, worauf andere herumtrampeln, bzw. an dem sie achtlos vorbei eilen, ohne es überhaupt wahrzunehmen, also z. B. Blätter, Steine, Gras, Bäume usw. , ist das Sujet meiner Fotos. Diese „Dinge“ sind zwar immer präsent, aber es bedarf der Übung sie auch in ihrer Einmaligkeit zu sehen. Fotografisch, in dieser Form, sehen lernen, ist eine Art die Welt meditativ wahrzunehmen. Hier trifft sich Zen und Fotografie. Setzt man solche Fotos in Sprache um, ergeben sich daraus Haiku. Das Dargestellte verweist dabei auf das Nicht-Dargestellte, nicht wirklich sagbare, das den Betrachter über das Motiv mit dem Fotografen verbindet.

 

mit geheztem Blick

rennt der Jogger vorbei -

an all der Schönheit

 

(J. G. Sommer 2011)

 

Die Motive stammen daher aus meiner näheren Umgebung (einige wenige Fotos sind von den Kanarischen Inseln) und im Falle der „Strandfotos“ von der Ostsee. Nichts wurde in den Fotos hinzugefügt oder weggenommen, sie wurden so fotografiert wie vorgefunden. Die Bildbearbeitung beschränkt sich lediglich auf den Weißabgleich, Tonwertkorrektur und Kontrastveränderungen.

Darüber hinaus verweisen die Fotos auf die Vergänglichkeit allen Seins. In der Natur ist die Vergänglichkeit nichts negatives, sondern die Grundvoraussetzung allen Wandels (Evolution). Sieht man sich das Werden und Vergehen in der Natur genauer an, kann man sich oft kaum der subtilen Schönheit dieser Prozesse entziehen, die hier sichtbar werden. Auch hierdurch besteht ein Bezug zur klassischen japanischen Ästhetik, denn die Wabi-Sabi-Ästhetik behandelt genau diese Inhalte.

In unserer modernen Konsum- und Medienwelt ist Vergänglichkeit und Werden meist negativ konnotiert, sie wird sogar nach Möglichkeit in der Wahrnehmung völlig ausgeblendet. Diese beiden Vorgänge, Schwellenwerterhöhung und Verdrängung der Vergänglichkeit allen Seins, gehen Hand in Hand und charakterisieren unsere Gesellschaft auf das Genauste. Daraus resultiert eine Ästhetik, die z. B. in den üblichen Modemagazinen, photoshop gestylte menschliche Abziehbilder präsentiert. Sie kann als eine Ästhetik des Stillstands bezeichnet werden. Die hier vorgestellte Art Naturfotos im Sinn der klassischen japanischen Ästhetik herzustellen, trainiert aber nicht nur die Wahrnehmung von Natur, sondern auch die Selbstwahrnehmung. Man registriert die Reaktion von Körper und Geist, während des Prozesses der Wahrnehmung. In unserer von Konsum und Medien bestimmten Gesellschaft, wird aber die Wahrnehmung selbst manipuliert (Stichwort Schwellenwerterhöhung) und zwar so, dass der Wahrnehmende davon gewöhnlich nichts bemerkt, also dass dieser Vorgang unbewusst erfolgt. Im Gegensatz zur östlichen Tradition ist die Selbstwahrnehmung in der westlichen Gesellschaft eine Art blinder Fleck. Menschen glauben, dass die „Dinge“ die sie in ihrer Umgebung wahrnehmen in einem naiven Sinn (Stichwort: Naiver Realismus) real sind, ohne dabei zu beachten, dass das Wahrgenommene erst durch die Interaktion zwischen Mensch und „Ding“ in die Welt tritt. Kunst im Sinne der klassischen japanischen Ästhetik zu betreiben, heißt für mich daher diesen blinden Fleck sehend zu machen oder, um es buddhistisch zu sagen, Achtsamkeit zu üben. Mit der hier vorgestellten Internetseite und den Fotos möchte ich Sie dazu einladen, an diesem Lernprozess teilzunehmen.

Meine Fotos sollen aber nicht das Naturerlebnis selbst ersetzen, sondern im Gegenteil nur als eine Art Zeiger wirken, dass es sich lohnt die Wahrnehmung in der Natur zu schärfen, um nicht in einer laut dröhnenden, exzessiven Medien- und Konsumwelt unterzugehen, wie es aufgrund der oben geschilderten Schwellenwerterhöhung sonst unausweichlich der Fall ist und täglich erlebt werden kann.

Den “reinen” Naturfotos ist noch eine konzeptuelle fotografische Studie über das Thema wabi-sabi zugefügt worden. Dem Betrachter wird mit Hilfe des Textes über wabi-sabi die Interpretation der Fotos nahe gelegt.

P. S. Wer mehr über die hier nur sehr kurz angedeutete Ästhetik erfahren will, der sei auf mein Buch: „ Yohaku-no-bi – oder die Schönheit des Einfachen – eine buddhistisch inspirierte Naturästhetik“ verwiesen. Darüber hinaus habe ich auf dieser Internetseite noch mein Essay: „Naturfotografie, Zen und die Betrachtung der Wirklichkeit“ beigefügt.